Was ist Harmoniebedürftigkeit?
Um was handelt es sich bei der Nachgiebigkeit und einem ausgeprägten Harmoniebedürfnis? Welche Ursachen verbergen sich hinter dieser Verhaltensweise? Menschen, die ein ausgeprägtes Harmonie-bestreben haben, lassen in Konfliktsituationen erst gar keinen Streit aufkommen oder sie passen sich sehr schnell an ihr Gegenüber an, willigen ein, geben nach, um den Konflikt nicht weiter zu verschärfen oder eskalieren zu lassen.
Menschen, die dieses ausgeprägte Harmoniebedürfnis haben und leben, besitzen oftmals die Fähigkeit, die Bedürfnisse, Wünsche, den Schmerz oder die Nöte des Gegenübers zu erspüren. Auf diese Wahrnehmungen reagieren sie häufig unmittelbar, indem sie diesen Menschen entgegenkommen, sanftere, oft schwammigere Formulierungen wählen, nicht Nein sagen können oder in Kompromisse oder Lösungsvorschläge einwilligen, die nicht ihrer eigenen Bedürfnislage entspricht. In Konfliktsituationen bringen sie hauptsächlich jene Aspekte ihrer Persönlichkeit ein, die besonders verträglich sind: ihre Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zugewandtheit, Aufmerksamkeit, Verständnis, innere Stabilität und Bescheidenheit. Andere Aspekte ihrer Persönlichkeit, die sehr wohl vorhanden sind, werden jedoch nicht benannt oder eingebracht: ihre Unsicherheit, ihre Bedürfnisse nach Ermutigung, Verständnis, Unterstützung und vieles mehr. Nicht selten geschieht es, dass der harmoniebedürftige Mensch Probleme damit hat, sich von der Bedürftigkeit des Gegenübers abzugrenzen und in einen Sog gerät, sich alleine für das Wohl des anderen verantwortlich zu fühlen und für Abhilfe zu sorgen. So gerät er immer mehr in die Rolle des emotionalen Retters.

Hintergründe der Entstehung
Wodurch entsteht diese Haltung der Harmoniebedürftigkeit? Wo liegen ihre Ursachen? Die meisten Menschen haben in ihrer Kindheit Verhaltensweisen erlernt, die ihnen die Liebe und Anerkennung der Menschen ermöglichten, die ihnen besonders wichtig und nahe waren, also die Eltern, Pflegepersonen und Geschwister . So hat sich bei ihnen ein inneres Idealbild ausgebildet, wie sie sein müssen, um sich selbst leiden zu können. Bei Menschen, die eine ausgeprägte Harmoniebedürftigkeit haben, waren offenbar die Haltungen des Nettseins, der Freundlichkeit, Geduld, Nachgiebigkeit, des Ver-ständnisses und Entgegenkommens besonders geeignet, um Liebe und Anerkennung zu erhalten. Viele dieser Personen haben sehr früh erfahren, dass ihre Eigenständigkeit, Individualität, ihr Wille und ihre Bedürftigkeit die Beziehungen zu den engsten Bindungspersonen gefährdet, weil diese auf ein Nein oder auf Eigenständigkeit mit Rückzug, Übelnehmen und Trennung reagiert haben. Werden diese Verhaltensweisen über Jahre immer wieder ausgeübt, führt dies zu einem zunehmenden Ver-lust des eigenen Selbst.

Harmoniebedürftigkeit, Nachgiebigkeit und die Herkunftsfamilie
Wenn in Familien die Kinder nicht dazu ermutigt und aufgefordert werden, ihre eigene Meinung und ihren Willen kund zu tun und stattdessen die Anpassung an andere und deren Bedürfnisse ständig eingefordert wird, bekommt das Kind vermittelt, dass es schlecht sein, auf die Wünsche, Bedürfnisse und Forderungen anderer mit einem Nein zu reagieren. Wenn um des lieben Friedens willen alle Konflikte im Keime erstickt werden, wird es Kindern schwer fallen, eigene Grenzen zu setzen, ihre Standpunkte anderen Menschen gegenüber vertreten zu lernen und sich von den Forderungen anderer Menschen abgrenzen zu lernen.
Kinder müssen und sollen dazu ermutigt werden, auch Nein sagen zu dürfen, anderer Meinung zu sein oder Sätze zu formulieren, wie z.B.: „Ich will das nicht! Hör auf. Das ist nicht in Ordnung.“ Lernen Kin-der diese Formen der Abgrenzung nicht, entwickeln sie sich zu nachgiebigen Menschen und bekom-men den Eindruck, dass jeder mit ihnen tun und lassen kann, was er will.
Werden nachgiebige Menschen mit den Forderungen und Bedürfnisse anderer Menschen konfrontiert, fällt es ihnen ungeheuer schwer, sich von diesen abzugrenzen. Sie reagieren auf diese Forderungen. Unabhängig von diesen Forderungen für sich eine Position und Meinung zu entwickeln und entsprechend zu reagieren, ist für sie kaum möglich. Vorhandene Unterschiede und Auffassungen werden von nachgiebigen Menschen klein geredet, verdrängt oder heruntergespielt. So werden sie mit der Zeit für die Menschen in ihrer Umgebung immer weniger unterscheidbar. Ihnen fällt es schwer zu erkennen, wann sie ausgenutzt werden, obwohl sie selbst vielleicht immer unzufriedener werden.

Auswirkungen der Harmoniebedürftigkeit

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Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Ausführungen des von Friedemann Schulz von Thun skizzierten helfenden und selbstlosen Kommunikationsstils. Siehe: Schulz von Thun, Friedemann. Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Differentielle Psychologie der Kommunikation. Auflage 4. Reinbek bei Hamburg, 2004. S. 76-114.

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Autor/in: RedaktionKategorien: Beziehung, Ehe, Erziehung, Familie, GemeindeKommentare: 0

Veröffentlicht am

14. November 2019

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